Wer nicht will, findet Gründe. Wer will, findet Wege.

Noten: Leid oder Freud? Zeugnis-Zeit

06-2022 | Kinder, Schule und Lernen

Vor einigen Tagen habe ich einen Bericht im Radio gehört, in dem es um das Thema Grundschule ohne Noten ging. In Baden-Württemberg soll es 39 Modellschulen geben, die ab dem nächsten Schuljahr (SJ 22/23) ohne Noten arbeiten werden. Der Versuch soll wissenschaftlich begleitet werden. Experten und Politiker wägten bedacht ab, diskutierten hin und her und beleuchteten alle möglichen Seiten des Themas. Als die Sendung vorbei war, hatte ich gemischte Gefühle:

 

Auf der einen Seite fielen mir all die vielen Kinder aus meiner Coaching Praxis inklusive deren Mütter ein, die so sehr unter dem Notendruck litten: Kinder mit Schulangst, endlosem Familienstress und Diskussionen wegen Stunden vereinnahmenden Hausaufgaben, Kummer um schlechte Noten, das Gefühl, nicht gut genug zu sein, schlechter als die Freundin zu sein …. die Liste ist lang. Und da dachte ich mir: Warum nur 39 Schulen? Schade, dass es nicht mehr sind und wie cool wäre es, wenn mein Sohn nächstes Jahr auf genau so eine Schule gehen könnte.

Andererseits kamen mir zwei Einwände: Erstens, wie soll man die Kinder denn dann zum Lernen bringen, wenn sie keine Noten bekommen – obwohl sie theoretisch nicht für die Schule und die Noten, sondern fürs Leben lernen sollten (*räusper*)? Zweitens, wie bekommen Eltern die Gewissheit, dass ihre Kinder auf dem notwendigen Lernstand sind?

In meiner Praxis begegne ich genau diesen beiden Sorgen häufig. Überwiegend Mütter haben sie, da sie sich in der Verantwortung sehen, dem Kind einen guten Schulabschluss angedeihen zu lassen.

2 Mädchen beugen sich über ein Buch und lernen.

Bild von svklimkin  

Wenn auch euch in deiner Familie das Thema Noten oft in die Quere kommt, dann habe ich im Folgenden einige Gedanken für dich zusammengetragen, die ich aus meiner persönlichen Erfahrung als Mutter und meinen beruflichen Erfahrungen als Coach und als Gymnasiallehrerin gesammelt habe.

Noten: ein unvermeidbarer Bestandteil des Groß-Werdens

Das Fieseste an Noten ist wohl ihre Unvermeidbarkeit: Jedes Jahr aufs Neue muss ein Kind sich in der Schule vor Erwachsenen und Mitschülern beweisen. Ab dem Schuleintritt beginnt das große Vergleichen. Das führt unweigerlich dazu, sehr viel „im Außen“ zu sein. Schon sechs oder siebenjährigen Kindern wird von unserer Gesellschaft abverlangt, die Leistung zu erbringen, die für alle GLEICH vorgesehen ist – und das, obwohl in diesem Alter gar NICHT alle GLEICH sind. Das ist schon ordentlich.

Und gleichzeitig bietet sich für uns als Eltern eine große Chance, unseren Kindern wirklich etwas beizubringen. Schließlich wird man sein ganzes Leben lang von anderen bewertet oder beurteilt. Klar, im Job mag das nicht mehr so direkt sein wie mit Noten in der Schule und in sozialen Situationen hat man hoffentlich meistens eher ein Verhältnis auf Augenhöhe (das zwischen Lehrern und Schülern leider selten der Fall ist). Doch hier können unsere Kinder gleich lernen: eine externe Bewertung, in diesem Fall Noten, sind kein objektives Messinstrument dafür, wie viel ich kann oder gar wie viel ich wert bin! Um das lernen zu können, braucht es eine feinfühlige und liebevolle Begleitung durch Lehrer und Eltern. Weil die meisten Lehrer Teil des Systems sind, tragen die Eltern den Löwenanteil.

Allerdings kann die Erwartungshaltung der eigenen Eltern im Weg stehen, die es Eltern erschwert, mit dem Thema Noten unbeschwert umzugehen.

Die Probleme mit der Bewertung nach Noten

Für uns als Eltern war es bis zum Schuleintritt völlig klar, dass sich jedes Kind in seinem individuellen Tempo entwickelt.

Ab diesem Zeitpunkt scheinen es viele Eltern leider schlagartig zu vergessen. Sie wünschen sich (verständlicherweise) nichts sehnlicher, als dass ihr Kind mithalten kann und „nicht unter geht“. Dadurch ist es dann plötzlich nicht mehr OK, wenn es langsam – langsamer – zu langsam ist –  und es wird erwartet, dass alle das Gleiche können und sich gleich schnell entwickeln. Zusätzlich wird das gleiche Ausgangsniveau vorausgesetzt. Noten suggerieren, alle Kinder hätten die gleichen Chancen (z.B. ein ruhiges Lernumfeld zuhause). Leider ist das nicht der Fall und dadurch werden Noten zu einem ungerechten Spiegel dessen, anstelle einer echten Leistungsbewertung des Kindes.

Sie sind eine Momentaufnahme der Prüfungssituation. Derjenige, der es am besten schafft, in diesem Moment das zu zeigen, was der Lehrer hören will, bekommt eine gute Note. Hat das Kind die Partizipialkonstruktion hingegen erst zwei Wochen nach der Klassenarbeit verstanden und ist jetzt ein echter Meister, kann es das nicht mehr zeigen und der vorherige Misserfolg fließt in die Endjahresnote ein – nicht jedoch seine Lernentwicklung und sein Fortschritt.
Außerdem wird die Persönlichkeit des Kindes in diesem System kaum bis gar nicht einbezogen: Ist es schüchtern und kann sich deshalb mündlich nicht so gut einbringen?

All diese Erfolge und Hürden werden in diesem System nicht erkannt und deshalb auch nur selten belohnt. Kein Wunder, dass Kinder dann frustriert und lustlos lernen.

 

Darüber hinaus brauchen unterschiedliche Berufe andere Fähigkeiten. So haben ja zum Beispiel Rechts-, Wirtschafts-, Gesellschafts- und Sozialwissenschaften alle einen Numerus Clausus. Doch die Anforderungen, die im Berufsalltag gestellt werden, sind völlig unterschiedlich. Ein Arzt sollte auf jeden Fall empathisch sein, für einen Rechtswissenschaftler ist das jedoch nicht unbedingt in besonderem Maße erforderlich. Den unterschiedlichen Anforderungen wird alleine durch eine gute Abitursnote nicht Rechnung getragen.

Ich weiß: für jeden gibt es in dieser Welt einen richtigen Platz an dem man sich wohl fühlt, gute Noten hin oder her.

Was tun als Eltern?

Wie so oft bei gesellschaftlich bedingten Ungerechtigkeiten bleibt uns als Eltern also nur eines übrig: Die innere Arbeit machen!

Für mich heißt das konkret, dass ich mir immer wieder deutlich mache, welchen Stellenwert Noten haben.

Ich weiß: Was mein Kind später im Leben erreichen kann, wie schlau oder zielstrebig es ist, das zeigt sich nicht in den Noten. Das zeigt sich in der Persönlichkeit: Darin, wie neugierig mein Sohn neue Dinge über das Computer Programmieren lernen möchte, wie groß seine Anstrengungsbereitschaft ist, dass er gelernt hat, Verantwortung für sich und sein Handeln zu übernehmen oder wie lieb sein Bruder mit ihm Spielsachen teilt.

 

Der Schulweg ist lange und wenn ein Kind bereits in der Grundschule so frustriert ist, dass es nur noch Negatives mit der Schule verbindet, wird es ein harter Weg werden. Das wünscht man keinem Kind.

Statt dem Kind zusätzlichen Druck zu Hause zu machen, ist es unerlässlich, dem Kind schrittweise mehr zuzutrauen und ihm Verantwortung zu übergeben. Dass wir als Eltern trotzdem da sind, wenn es nach Hilfe fragt, ist ja klar!

Noten: Leid oder Freud? Zeugnis-Zeit 1

Bild von Juraj Varga

Konkrete Tipps für euren Alltag

Ich gebe mir sehr Mühe, im Alltag nicht zu viel Fokus auf die Noten zu legen. Obwohl ich natürlich neugierig bin, frage ich nicht immer wieder „und, habt ihr die Arbeit schon zurück?“. Und genauso wie schlechte Noten nicht bestraft werden, werden gute Noten nicht übermäßig belohnt, um dem ganzen Thema an Bedeutung zu nehmen. Klar, wir freuen uns gemeinsam darüber – schließlich ist eine gute Leistung ja was Tolles. Ich möchte es auch unterstützen, dass mein Ältester zum Beispiel super im Unterricht aufpasst und deshalb ohne viel Lernen gute Noten schreibt. Doch ist es mir wichtig, dass er das aus eigener Motivation tut, da er sich an mehr Freizeit mit schönen Dingen erfreut und nicht, weil er muss und von außen Druck verspürt. Sein Selbstwert und seine Zuversicht im Leben sollen darauf aufgebaut sein, wer er als Mensch ist und weil er Dinge tut, die seinem Herzen Freude bereiten.

 

Wenn du also das Gefühl hast, dass dein Kind sich von diesem Druck beeindruckt ist und vielleicht sogar schlechte Noten als Versagen sieht, dann sprich gerne offen mit ihm darüber, was so ein Zeugnis wirklich bedeutet. Schreibt gemeinsam die Stärken eures Kindes auf (auch wenn das zuerst kitschig oder übertrieben vorkommt) und richtet bewusst den Blick auf all das, was du an deinem Kind toll findest. Mache deinem Kind bewusst, dass auch der Einser Schüler nicht immer glücklich ist und auch seinen eigenen Rucksack an Problemen mit sich trägt.

 

Ob Motivation durch gute Noten, Geld oder beispielsweise mehr Zeit mit dem neuesten Computerspiel als Belohnungsprinzip funktioniert, hängt stark vom Persönlichkeitstyp des Kindes ab. Die einen finden es super, die anderen verspüren hierdurch nur noch mehr Druck. Als Extrembeispiel kannte ich eine Familie, in der die Oma bestimmte Geld-Beträge für beste Noten verteilt hat. Ich muss sicher nicht sagen, was für eine Rivalität und Leistungsdruck die Enkel hierdurch verspürt haben.

 

Und auch im Vergleich mit Mitschülern sollten Kinder lernen, in der Schule die Stärken der anderen zu sehen, statt sich in Konkurrenz zu sehen. Schließlich möchten wir als Eltern ja auch lieber mehr soziales Miteinander statt Ellenbogen Einsatz. Der Misserfolg einer schlechten Note ist im Netzwerk eines ausgeglichenen, glücklichen Kinder-Lebens einfacher zu verkraften, als eine schlechte Note, die für das Kind komplettes Versagen bedeutet. So darf ein gemeinsames Eis essen am Zeugnistag eine Feier eines wichtigen Schrittes sein, viel mehr als eine Belohnung für bestimmte gute Noten!

Wie unterstütze ich mein Kind in seinem Wachstum?

Obwohl Schulen die Noten wohl kaum in der nächsten Zeit komplett abschaffen werden, um sie durch faire Berichte zu ersetzen, können wir unsere Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung unterstützen. Macht keine große Sache aus dem Zeugnis. Reflektiere viel eher mit deinem Kind, was es alles gelernt hat und konzentriert euch so auf das sogenannten ‚growth mindset‘, also die ‚Wachstums-Einstellung‘. Das wird in vielen Ländern und von vielen sehr erfolgreichen Leuten so praktiziert. Wie habe ich gelernt, was hat mir geholfen, was kann ich wiederholen? Was hat gut funktioniert, was will ich lieber lassen, was waren meine Highlights in diesem Jahr? All diese Sachen können wir natürlich auch im gemeinsamen Coaching durcharbeiten und herausfinden, wie ihr diese positive und erfolgsorientierte Herangehensweise in euren Alltag integrieren könnt!

 

Denn letztendlich ist mir als Mutter vor allem eines wichtig: dass die Kindheit meines Kindes schön und frei ist, ohne Nachmittage mit stundenlangem Sitzen und Aufgaben machen (es sei denn, das ist der Herzenswunsch eines kleinen Bücherwurms 😉 ). Für die gesunde Entwicklung von Kindern ist es essentiell, dass sie sich viel bewegen, ihrer Kreativität und ihrem Entdeckergeist freien Lauf lassen und sie nicht immer nur in die Anpassung gezwungen werden. Ein ausgeglichenes Leben spiegelt sich nicht zwangsläufig in einem ausgeglichenen Zeugnis wider und das möchte ich meinen Kindern vorleben!

Hier noch einmal meine Tipps

  • Gib Noten keine zu große Bedeutung – weder durch überschwängliches Lob, noch durch Bestrafung.
  • Erkläre deinem Kind das Prinzip des „growth-mindset“.
  • Sprich mit deinem Kind über Werte und worauf es noch im Leben ankommt.
  • Reflektiert gemeinsam die Note: Was hat gut geklappt, was hat mir geholfen, was kann ich beim nächsten Mal anders machen?
  • Hinterfrage dein Belohnungsprinzip.
  • Lass deinem Kind seine Individualität und hilf ihm dabei, in dem vorgegebenen System zurecht zu kommen.
  • Verbringe mit deinem Kind nicht nur Zeit beim Lernen, sondern macht schöne Sachen zusammen.
  • Wenn du Wert auf entspannte und harmonische gemeinsame Familienmahlzeiten legst, dann frag dein Kind dort nicht über anstehende Arbeiten und noch ausstehende Pflichterfüllung aus, wenn es nicht von sich aus von der Schule erzählen mag.
  • Motiviere dein Kind, sich mit Freunden zu treffen und möglichst viel Zeit Draußen zu verbringen.

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Ich bin Silke Krämer.

Kinder- und Jugendcoach Professional, NLP Master und Coach, EMDR Traumatherapeutin und Gymnasiallehrerin

Ich helfe Familien, wenn es Schulstress gibt und daheim die Fetzen fliegen. Außerdem unterstützte ich Mütter und Väter dabei, sich den Herausforderungen des Familienlebens selbstbewusst zu stellen.

Als Trainerin für Reflexintegration helfe ich deinem Kind, damit ihm die Schule bei Konzentrations­schwächen, Lern- und motorischen Problemen leichter fällt.

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2 Kommentare

  1. AMANDA

    Hallo,

    Dankeschön für den Beitrag.

    Das Thema Noten ist leider sehr präsent bei uns. Nicht das es nur schlechte Noten gibt allerdings wird mein einer Sohn wegen seinen Verhalten in jedem Fach schlechter beurteilt als er fachlich ist. Das finde ich sehr schade für ihn weil er ja nix dafür kann das er ist wie er ist. Oder nur bedingt.
    Leider hat er eh nicht so viel Selbstbewußtsein das er da drüber steht und auch ich nicht, leider. Aber wir nehmen es so locker wie es uns möglich ist und reden mit ihm euhig über sein Verhalten. Und hoffen das es sich verwächst.
    Er ist ja auch nicht wirklich schlecht in der Schule allerdings vergleichen sich meine Söhne (zwillinge) sehr. Das ist auch eine unserer Baustellen.

    Kannst du bitte einmal das growth-mindset Prinzip erklären. Bitte

    Antworten
    • Silke

      Liebe Amanda,

      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Dieser hat mich angeregt, in meiner letzten Familienpost über das Thema Growth Mindset nachzudenken und zu schreiben.

      Was ist das Growth Mindset?

      Übersetzt bedeutet es ‚Wachstumsdenken‘ und beschreibt nur den Glauben an die eigene Lernfähigkeit!

      Was so theoretisch klingt, ermöglicht uns in der Praxis Großes!

      Hätte Arnold Schwarzenegger nicht feste daran geglaubt, dass er einst der stärkste Mann der Welt werden könnte, hätte er gar nicht erst begonnen zu trainieren.

      Wir alle können unsere Fähigkeiten noch ausbauen und uns verändern.

      Vor allen Dingen spiegelt sich das in unseren alltäglichen Gedanken wider:

      Machst du einen Fehler und sagst dir selbst ‚Mensch, bin ich bescheuert. Jetzt habe ich schon wieder etwas falsch gemacht. Das war ja sowas von klar!’, dann ist das entmutigend – du würdest dich ja auch nicht gut fühlen, wenn das jemand anderes sagen würde, richtig?

      Warum solltest du also so mit dir selbst sprechen?

      Im Growth Mindset sagt man stattdessen:

      „Ich habe einen Fehler gemacht und das erkannt. Ich lerne daraus und nächstes Mal mache ich es besser!“

      Zwar ist das gar nicht so einfach mit dem positiven Denken, aber es hat wissenschaftlich nachgewiesen eine riesige Wirkung, wenn man es über längere Zeit trainiert – versprochen!

      Erfolge fühlen sich noch besser an und Niederlagen nehmen einen nicht so mit.

      In diesem Blogbeitrag habe ich geschrieben, dass bestimmte Fragen dir und deinem Kind dabei helfen können, dieses Wachstumsdenken auf Noten und Zeugnisse zu übertragen:

      Reflektiert gemeinsam:

      – Wie habe ich gelernt, was hat mir geholfen, was kann ich wiederholen?
      – Was hat gut funktioniert, was will ich lieber lassen, was waren meine Highlights in diesem Jahr?

      So könnt ihr gemeinsam die positiven Sachen größer werden lassen!

      Ich hoffe, ich konnte dir damit etwas weiterhelfen.

      Wenn du noch weitere Fragen hast, melde dich sehr gerne.

      Herzliche Grüße

      Silke

      Antworten

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