Wer nicht will, findet Gründe. Wer will, findet Wege.

So viel Wut und Trauer bei Kindern – Teil II: Diese Strategie hilft dir.

12-2020 | Jugendliche, Familie, Kinder, Kommunikation, Persönlichkeit

Im ersten Teil dieses Blogartikels habe ich darüber geschrieben, wie wir uns selber und unseren Kindern helfen können, wenn wir unsere positiven und negativen Gefühle akzeptieren und lernen, offen damit umzugehen. Schließlich gehören all diese Gefühle zum Leben dazu und entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen!

Jetzt möchte ich dir noch genauer dabei helfen, dieses Wissen im Alltag anzuwenden. Denn oft klingen solche Ideen für uns logisch nachvollziehbar, doch sobald wir sie umsetzen möchten, meldet sich eine leise (oder laute) Stimme, die sagt: „Das klingt ja alles schön und gut, aber in Wirklichkeit ist es einfach zu schwierig!“.

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Vielleicht regen dich die offen gezeigten negativen Gefühle deines Kindes so stark auf, dass du impulsiv heftiger reagierst, als du eigentlich möchtest. Oder vielleicht löst die Reaktion deines Kindes unangenehme Bilder oder Erinnerungen aus deiner eigenen Kindheit aus, mit denen du schwer umgehen kannst. Weil es dir nie beigebracht wurde, sorgfältig mit deinen Gefühlen umzugehen, hast du eigene Strategien erlernt, die dir damals geholfen haben.

Negative Gefühle als Trigger

In Wahrheit sind deine Reaktionen auf die negativen Gefühle deines Kindes also eigentlich Reaktionen auf Auslöser oder „Trigger“ für deine eigenen Gefühls-Vermeidungs-Strategien.

Weil du dies so gelernt hast, möchtest du unangenehme und negative Gefühle so schnell wie möglich abstellen und wegschieben, anstatt sie zu durchleben – und das obwohl dies (wie in Teil 1 ausführlich erklärt) nur dazu führt, dass die Probleme sich anstauen und immer größer werden. Jedes Gefühl, das in die Welt hinausgetragen wird potenziert sich dort. Höchste Zeit also, dass wir lernen richtig damit umzugehen!

Um den Teufelskreis zu durchbrechen, der sich oft einstellt, wenn die Negativität von außen nur so auf einen einprasselt, hilft es, deine Trigger zu identifizieren und sich diese Zusammenhänge ganz bewusst zu machen. Das ist gar nicht einfach und wenn es dir schwerfällt, deine Reaktion alleine rational zu betrachten, kannst du dir Hilfe holen (z.B. im Coaching).

Denn wenn wir unreflektiert aus unseren eigenen Gefühlen handeln, ohne darüber nachzudenken, lösen unsere elterlichen Reaktionen oft ganz andere Gefühle in unseren Kindern aus, als wir beabsichtigen.

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

So auch im Beispiel einer Mutter, die nicht wusste, wie sie mit der Prüfungsangst ihrer Tochter umgehen sollte. Die Tochter fühlte sich frustriert und verzweifelt, weil sie nicht versagen wollte und die Mutter wollte sie aus ganzem Herzen unterstützen: Doch ihre aufmunternd gemeinten Zusprüche („Du hast noch nie eine schlechte Note mit nach Hause gebracht, du wirst das wieder super hinkriegen, mach dir keine Sorgen!“) sorgten nur dafür, dass die Tochter mehr Druck verspürte.

Sie sah die Worte als Erwartungen, denen sie gerecht werden musste. Da Lehrer und andere Verwandte auf ihre Sorgen ähnlich reagierten, entwickelte sie sich zur Perfektionistin. Die heute 17-Jährige hat nicht gelernt, mit Niederlagen umzugehen und hat sehr hohe Ansprüche an sich selbst.

Das Problem ist hier natürlich nicht, dass sie ambitioniert ist, sondern dass ihre Ambition aus Angst entspringt. Das Mädchen fühlt sich dazu gezwungen, Leistung zu erbringen und verspürt große innere Unruhe, Unausgeglichenheit und Stresssymptome. Weil sie (auch durch ihr Umfeld bedingt) nicht offen mit den negativen Gefühlen umgehen und diesen Platz geben kann, stauen sie sich an und das Mädchen erlebt die Schule trotz ihrer tollen Leistungen als große Belastung.

Woher kommen deine Strategien für negative Gefühle?

Jetzt stelle ich dir einige Fragen, durch die klarer wird, wie und weshalb du auf bestimmte negative Gefühle besonders empfindlich reagierst. Mache dir hier gerne Notizen, um deine Überlegungen festzuhalten.

  • Wie gingen deine Eltern mit Gefühlen um? Wie verlief zum Beispiel deine Eingewöhnung im Kindergarten oder was machten deine Eltern in gefährlichen Situationen? Schürten sie durch ihre Reaktion Angst oder Ähnliches in dir?
  • Etwas tiefer: Durftest du als Kind deine Gefühle fühlen und zeigen, bis sie sich von alleine wieder auflösen konnten? Gab es eine liebevolle Bezugsperson, die dir eine sichere, ruhige und geborgene Begleitung geboten hat, wenn du z.B. einen Wutanfall hattest oder andere starke negative Gefühle gezeigt hast? Was hast du gefühlt und welche Reaktion hättest du dir stattdessen gewünscht?

Und jetzt schreibe auf, wie du auf die letzten Wutanfälle (oder anderes negativ-emotionsgeladenes Verhalten) deines Kindes reagiert hast.

In den allermeisten Fällen wirst du hier einen Zusammenhang erkennen: Vielleicht wird durch das Verhalten deines Kindes eine Erinnerung aus deiner Vergangenheit ausgelöst und du reagierst auf das Verhalten mit genau den Strategien, die du damals erlernt hast.

Weil es keine Einheitslösung für emotional schwierige Situationen gibt, ist es so wichtig, Gefühle ganz genau kennen und beobachten zu lernen. Nur so kannst du die Gefühle „lesen“ lernen und entscheiden, was deinem Kind (und dir selber) in einer schwierigen Situation am besten hilft.

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Lösungen für den Umgang mit negativen Gefühlen

Konkret kann dies ganz unterschiedlich aussehen. Du kannst die Gefühle deines Kindes „spiegeln“ und ihm so helfen, dem Gefühl Raum zu geben und es bewusst wahrzunehmen, zum Beispiel: „Du bist enttäuscht, weil du eine schlechte Note hast. Bist du enttäuscht, weil du das Gefühl hast, dass du dich nicht genug angestrengt hast, oder enttäuscht, weil dein Freund eine bessere Note gekriegt hat?“.

Oft hilft es auch, vergleichbare Situation aufzuführen und darüber zu sprechen, wie Dinge damals ausgegangen sind – dies bringt alles in Perspektive und lässt erkennen, dass es oft weniger schlimm ist als befürchtet.

Auch könnt ihr in Ruhe besprechen, durch welche Maßnahmen eine „schlechte“ Situation nächstes Mal anders verlaufen könnte.

Lasse dein Kind wissen, dass du für es da bist und doch, dass es genauso in Ordnung für dich ist, wenn es sich lieber mit seinen Gefühlen zurückziehen möchte. Wenn sich dieses „Raum-geben“ für dich unkontrolliert und unsicher anfühlt, denke daran, dass die Freiheit zum Zurückziehen unglaublich wichtig ist und fülle diesen Raum, indem du deinem Kind einen gesunden und verständnisvollen Umgang mit Gefühlen bei dir selber vorlebst.

Übung macht den Meister

Und am wichtigsten: Sei nicht zu streng mit dir selbst. Es kostet viel kontinuierliche Übung, das Gehirn von den gewohnten Wegen weg zu leiten und so den Umgang mit Gefühlen zu steuern. Nimm deine Gefühle und die deines Kindes im ersten Schritt bewusst wahr, sodass sie im zweiten Schritt zu einer angebrachten und wohlüberlegten Reaktion führen können.

So könnt ihr das Gefühls-Gewitter gemeinsam ausharren, bis es vorüberzieht und die Sonne wieder scheint. Alle Gefühle sind OK und haben ihren Platz in dieser Welt. Denn – so kitschig sich das auch anhört – ohne Regen gibt es keine Regenbögen.

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Ich bin Silke Krämer.

Kinder- und Jugendcoach Professional, NLP Master und Coach, EMDR Traumatherapeutin und Gymnasiallehrerin

Ich helfe Familien, wenn es Schulstress gibt und daheim die Fetzen fliegen. Außerdem unterstützte ich Mütter und Väter dabei, sich den Herausforderungen des Familienlebens selbstbewusst zu stellen.

Als Trainerin für Reflexintegration helfe ich deinem Kind, damit ihm die Schule bei Konzentrations­schwächen, LRS, ADS oder ADHS Symptomen leichter fällt.

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2 Kommentare

  1. Angermann Romana

    Grüß Sie, ich konnte vieles aus ihrem Beitrag für uns heraus lesen, dankeschön. Nur leider hätte ich noch einen kleinen Tipp gebraucht, so wie ein Patentrezept wie man mit Gefühlen umgehen soll. Vielleicht gibts das aber auch gar nicht.
    Liebe Grüße Romana Angermann

    Antworten
    • Silke Krämer

      Liebe Romana Angermann,
      herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, diesen Beitrag zu lesen und noch dazu, Ihre Gedanken mit mir zu teilen.
      DAS Patenrezept kann es natürlich nicht geben – dafür sind wir Menschen einfach zu unterschiedlich.
      Dennoch glaube ich, dass es immer hilfreich ist, sich seiner Gefühle bewusst zu werden, um sie dann auf einer kognitiven Weise „einsortieren“ zu können. Wenn man sie erkannt hat, und angenommen hat, kann man sie verarbeiten und daraus Konsequenzen mit dem Verstand ziehen (ach, es war gar nicht mein Sohn, der mich geärgert hat, sondern ich war eh schon auf 180 – zum Beispiel). Herzliche Grüße Silke Krämer

      Antworten

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